Spuren im Schnee – Kurzkrimi


Er starrte auf seine Hände hinab, die, beinahe zärtlich, den schlanken Hals der jungen Frau umfasst hielten, konnte den staccatoartigen Puls ihrer Halsschlagader an der feinnervigen Haut seiner Finger pochen spüren.

Warme Erregung durchströmte ihn und ließ ihn vor Entzücken innerlich direkt erschaudern. Er musste sich beherrschen, musste geduldig bleiben. Es durfte nur ja nicht zu schnell vorübergehen und trotzdem konnte er es kaum mehr ertragen, so sehr fieberte er diesem einen Augenblick entgegen.

Vor innerer Anspannung verkrampften sich seine Finger immer mehr und das Gesicht unter ihm nahm eine leicht bläuliche Farbe an. Er mühte sich, die Umklammerung ein wenig zu lösen und stöhnte lustvoll, bevor er wieder fester zudrückte. Sein Körper zuckte und wand sich in purer Ekstase, wie der ihre im schrecklichen Todeskampf, was seine Lust immer noch mehr anheizte.

Langsam wechselte der Farbton zu zartem Lila, einem prächtig blühenden Fliederstrauch wahrhaft ebenbürtig, einfach nur wunderschön anzuschauen. Er konnte sich kaum sattsehen. Er wusste, welche Farbpalette auf ihn noch wartete und welche Farbe sich ganz am Ende zeigen würde. Und trotzdem war er angespannt, ob es auch dieses Mal wieder so sein würde.

Das feingeschnittene Antlitz vor ihm leuchtete dunkelviolett, als ihr Pulsschlag erloschen war und er sich in ihr stöhnend ergoss. Überwältigt schloss er seine Augen, während sich seine Hände, wie von selbst, vom Hals der toten Frau lösten und sein Körper wohlig erschlaffte, wie dies nach einem erfüllten Liebesspiel eben zu sein pflegte.

Der Tod war auch dieses Mal wieder dunkelviolett gewesen.

* * *

Hauptkommissar Sebastian Fellner verdrehte, betont genervt, die Augen. Gerade, als er schon befürchtet hatte, dass er heute vielleicht wirklich einen freien Tag haben könnte, hatte sein Handy gesummt.

„Ich hab dir doch gesagt, dass du es besser abschalten sollst, mein Lieber.“

Seine Frau Katrin blickte ihn nur halb schelmisch, halb vorwurfsvoll an, während sie seine Reaktionen sehr genau beobachtete. Es war nicht zu übersehen, dass Sebastian einen inneren Kampf zwischen Gewissensbissen und bohrender Neugier ausfocht. Katrin dagegen wusste schon seit dem Moment, als sich sein Handy gemeldet hatte, wie dieser innere Zwiespalt ihres Mannes enden würde. Und richtig… Sebastian nahm den Anruf hastig entgegen.

„Fellner?… Aber… Habt ihr Mike denn nicht?… Was?… Wo?… Mike will, dass ich komme?… Na gut, ja, wenn es sein muss, ich bin schon unterwegs.“ Entschuldigend drehte er sich zu seiner Frau um und hob bloß verlegen seine Schultern, ganz unmerklich, an. „Katrin? Ich…“

„Schon gut. Mach, dass du wegkommst. Irgendwann werden wir unser neues Sofa schon noch bekommen, hoffe ich mal. Nun geh schon zu deinem Rendezvous mit deiner Leiche. Ihr habt doch eine, oder? Aber vergiss bloß ja nicht, dass Andrea heute Abend zum Essen kommt.“

Fellner nickte nur schweigend, gab ihr schnell einen flüchtigen Kuss und warf sich unterm Gehen seine dicke Winterjacke um. Er war kaum draußen auf der Straße, als sich sein Mund schon zu einem breiten Grinsen verzog. Da hatte er irgendwie doch noch mal richtig Schwein gehabt. Tausendmal lieber ging er jetzt zu einem Tatort, als sich in einem Möbelhaus voller hektischer Menschen, die einem permanent nur blöd im Weg standen, herumtreiben zu müssen. Im selben Moment, als er dies dachte, packte ihn ein leicht schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber.

Wenn er gewusst hätte, dass dies für seine Katrin nun wirklich nichts Neues war, dann hätte er sich gleich noch um einiges schuldbewusster gefühlt, vielleicht.

So aber trabte er zu seinem Wagen, der am Straßenrand, in unmittelbarer Nähe seines Hauses, geparkt war und machte sich auf den Weg, nichtsahnend, wer und was da auf ihn noch warten sollte…

* * *

Mike Schwenner, Sebastians Partner und guter Freund, scharrte mit seinen Füssen, welche, Gott sei Lob und Dank, in dicken Winterstiefeln steckten, unruhig im Schnee.

Die letzten Tage war es bitterlich kalt geworden und auch der dichte Schneefall hatte die eisigen Temperaturen kein bisschen abzumildern vermocht, dafür hatte sich überall ein weißer, samtener Teppich ausgebreitet, der Straßen, Häuser, Felder und Wiesen in ein fast unwirklich schönes, hellleuchtendes, Gewand gekleidet hatte. Selbst hier, wo er jetzt stand, in diesem schmutzigen Hinterhof von heruntergekommenen, baufälligen Baracken, in denen die Stadt Hamburg aus schierer Not und Verzweiflung eine Gruppe syrischer Flüchtlinge einquartiert hatte und welcher, durch die dort aufgestellten und bereits überquellenden Müllcontainer, noch einmal abstoßender und trostloser als sonst anmutete, hatte der Schnee wahre Wunder bewirkt. Das weiße Gold versöhnte jeden, der sich hierher verirrte, mit einem beinahe unwirklich sauberen Anblick dieses Ortes.

Er hatte sich so gefreut, dass sie diesmal sogar in Hamburg sicher weiße Weihnachten haben würden, da der Wetterbericht verhieß, dass sich an der momentanen Wetterlage auch die nächsten Tage bis zu Heiligabend nichts ändern würde. Richtig weihnachtlich war ihm schon zumute gewesen und nun dieser Anblick!

Mitten in diesem Hof, lag eine leblose Frau, deren dunkel angelaufenes Gesicht den einzigen Farbtupfer inmitten der weißen Umgebung darstellte. Die Gestalt selbst war nämlich auch in ein weißes, langes Nachthemd gekleidet und selbst ihr schwarzes Haar war von einem weißen Spitzenschleier umhüllt worden, so, als hätte es in der Absicht des Mörders gelegen, ihr dunkelviolettes Gesicht in besonderer Weise hervorzuheben, fuhr es Mike sofort durch den Kopf.

Dieses Bild berührte ihn ganz eigenartig. Er hätte selbst keine Worte dafür finden können, wäre er nach den Gründen gefragt worden. Nur der bloße Anblick einer Leiche war es auf jeden Fall sicherlich nicht. Dazu hatte er schon viel zu viele Tote sehen müssen, in all den Jahren als Kommissar der Hamburger Mordermittlung.

Als er knirschende Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um und sah seinen Partner Sebastian Fellner mit großen Schritten auf sich zukommen.

„Hallo, Sebastian. Tut mir leid, dass dein freier Tag ins Wasser fällt. Aber… na ja, schau sie dir an. Dass da ein Spinner am Werk ist, ist ja wohl nicht zu übersehen, oder? Und da dachte ich mir, du schaust dir das Ganze besser selbst an, sicher ist sicher.“

„Schon gut, Mike. Ehrlich gesagt, hast du mir sogar einen Gefallen getan, dass du mich hast dazukommen lassen.“ Trotz der wenig erquicklichen Situation hier, zog sich erneut ein verstohlenes Grinsen über sein Gesicht, als er wieder an die Pläne seiner Frau für den heutigen Tag denken musste. Er trat näher an die Tote heran und studierte aufmerksam jede Einzelheit. Wie schon bei seinem Kollegen auch, gruben sich aber nach und nach Sorgenfalten in sein gutmütiges Gesicht und jedes Lächeln war ihm vollständig abhandengekommen.
„Hm… Sieht irgendwie ziemlich arrangiert aus, das Ganze, oder? Und was will er uns jetzt damit sagen? Will er überhaupt irgendwas damit ausdrücken? Könnte es womöglich sogar ein Triebtäter sein? Was meinst du, Mike?“

„Christa konnte mir auf jeden Fall schon sagen, dass die junge Frau erwürgt wurde. Wahrscheinlich ein Sexualdelikt, weil sie kein Höschen anhat. Christa ist inzwischen schon wieder in der Gerichtsmedizin und wartet dort auf den Leichnam. Ich wollte nur noch abwarten, bis du sie dir mit eigenen Augen angesehen hast. Dann gebe ich jetzt Bescheid, dass sie sie fortbringen können.“


Mike trat ein paar Schritte zur Seite und ging auf zwei Männer in dunklem Anzug zu, die bereits sichtlich ungeduldig warteten.

Er sprach leise mit ihnen und kehrte dann schnell zu Sebastian zurück, während die beiden Leichenbestatter die Tote in einen Leichensack hüllten und zum Wagen trugen.

Die Spurensicherung war immer noch eifrig damit beschäftigt, den ganzen Fundort zu durchkämmen, so dass der weiße Teppich inzwischen zu einem traurigen Durcheinander von schmutzig-matschigen Fußabdrücken verkommen und der Hinterhof wieder zu dem geworden war, was er zuvor immer schon gewesen war, ein sehr dreckiger, stinkender Abfallort.

In Kommissar Fellner hatte dieses Szenario ein wohlbekanntes Kribbeln ausgelöst. Er war sofort überzeugt, gleich beim ersten Blick auf die tote Frau, dass sie es hier kaum mit einem ganz gewöhnlichen Mörder zu tun haben würden und dass dieser Mord ihn und Mike wohl vor große Herausforderungen stellen würde. Es war zwar nur ein eher vages Gefühl, aber eines von jener Sorte, das ihn innerlich komplett ausfüllte und für nichts anderes mehr Raum ließ.

Fellner hatte augenblicklich und wie von selbst, alles um sich herum ausgeblendet, seine Frau, ihre Möbel, seine erwachsene Tochter, die heute Abend endlich wieder einmal, nach endlos langer Zeit, zu Besuch kommen würde und selbst seinen, in Kürze bevorstehenden Weihnachtsurlaub, auf den sich seine Katrin schon so sehr freute. Es war schon unglaublich lange her, dass sie beide einmal drei ganze, ungestörte Wochen zu zweit verbracht hätten. Er dachte nicht einmal mehr daran, wie sie es aufnehmen würde, wenn er ihr sagen musste, dass auch daraus wahrscheinlich wohl nichts werden würde, da kaum anzunehmen war, dass sie den Mörder so bald, in nur wenigen Tagen schon, fassen würden.

Eigenartigerweise zweifelte er nicht daran, dass sie es hier, mit großer Wahrscheinlichkeit, mit einem beginnenden Serientäter zu tun haben würden, falls nicht sogar schon andere Morde auf dessen Konto gingen. Sie würden deshalb schnellstens überprüfen müssen, ob es möglicherweise ähnlich gelagerte, unaufgeklärte Morde in der Vergangenheit gab.

Zurück im Kommissariat wollte er seine Überlegungen gerade Mike offenbaren, als dieser schon nachdenklich zu sprechen begann.
„Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, Sebastian… Aber meiner Meinung nach, haben wir es hier mit einem Irren zu tun. Und ich befürchte, dass dies gerade mal der Anfang einer zu erwartenden Mordserie ist, wenn er nicht sogar schon in der Vergangenheit zugeschlagen hat. Ich bin schon die ganze Zeit am Rätseln, was uns der Kerl mit seiner Inszenierung sagen wollte. Denn danach sieht es doch aus, oder was meinst du?“ „Genau dasselbe geht mir auch schon die ganze Zeit durch den Kopf, Mike. Haben die Kollegen eigentlich irgendwelche Ausweispapiere bei der Toten gefunden?“

„Nichts. Auch keine Fußspuren. Es hat ja die ganze Nacht durchgeschneit und alles leider zugedeckt. Deshalb können wir momentan noch nicht einmal sagen, ob sie dort oder woanders getötet wurde. Wir können nur auf Christa hoffen, dass sie DNA an der Frau findet. Ich hoffe, sie meldet sich bald bei uns. Wir brauchen, so schnell wie nur möglich, den ungefähren Todeszeitpunkt.“

Beide schwiegen. Dann griff Sebastian nach dem Telefon, um seiner Frau Bescheid zu geben, dass er heute erst sehr, sehr spät nach Hause kommen würde und er deshalb leider auch nicht bei dem geplanten Abendessen mit ihrer Tochter, die sie beide schon so lange nicht mehr gesehen hatten, dabei sein würde können. Zu seinem Glück sprang jedoch nur der Anrufbeantworter an, auf den er seine Hiobsbotschaft sprechen konnte, ohne sich noch lange mit den enttäuschten Vorwürfen seiner Frau auseinandersetzen zu müssen.

Und bis sie von der Gerichtsmedizinerin Näheres erfahren würden, würden sie sich nun zunächst mit dieser skurrilen Botschaft des Mörders beschäftigen. Hatten sie diese nämlich erst einmal verstanden, dann ergäbe sich daraus ja vielleicht schon ein erster Ansatzpunkt.

Sebastian wollte keine zweite Leiche mehr finden müssen. Nur das zählte jetzt noch, nur das war noch wichtig, nichts sonst.

* * *

Nach einer sehr kurzen Nachtruhe, in der er vor einer unangenehmen Konfrontation mit seiner Frau, verschont geblieben war, da diese, Gott sei Dank, bereits tief und fest geschlafen hatte, als er spätnachts nach Hause geschlichen gekommen war, war Sebastian bereits in aller Herrgottsfrühe wieder auf dem Weg ins Kommissariat, ehe seine Katrin wachgeworden war. Flüchtig hatte er auch noch schnell ins Gästezimmer geschaut, ob seine Tochter vielleicht hier schlief, aber ein leeres Bett hatte ihm gezeigt, dass sie wohl leider, gleich nach dem Essen mit seiner Frau, wieder verschwunden war.

Im Büro traf er zu seinem Erstaunen bereits auf Mike, der mit sehr kleinen, geröteten Augen am Schreibtisch saß, weit in seinem Stuhl zurückgelehnt, eine dampfende Tasse Kaffee vor sich.

„Wie siehst du denn aus, Mike?“

Der rieb sich kurz die Augen und seufzte auf.

„Na ja. Ich war die ganze Nacht hier. Ich war so vertieft in die Arbeit, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie die Zeit verflogen ist. Und irgendwann hat es sich dann nicht mehr rentiert, heimzugehen. Aber wenigstens bin ich jetzt ein bisschen schlauer, auch, was die Gesichtsfarbe unserer Toten anbetrifft. Außer, dass man ja immer so anläuft, wenn man erwürgt wird, hat die Farbe Violett tatsächlich eine durchaus interessante Bedeutung. Wir sind doch beide der Meinung, dass der Mörder diese Gesichtsfarbe durch das viele Weiß, das er absichtlich drumherum arrangiert hat, für uns, oder vielleicht, wer weiß, möglicherweise auch nur für sich selbst, in den Fokus gerückt hat, oder irre ich mich da?… Genau. Und da habe ich mal ein wenig recherchiert… Ich fasse nur mal die wichtigsten Stichpunkte zusammen. Vielleicht bringt uns das ja seine Motivlage näher. Also… Violett steht für Tod, sexuelle Frustration, für unbefriedigt sein, aphrodisierend, Würde und Macht sowie als Sinnbild der Unmoral. Vielleicht also doch ein Sexualdelikt, als eine Art Bestrafung vielleicht?“

Sebastian Fellner nickte dazu nur nachdenklich.

„Hat sich Christa eigentlich gestern noch bei dir gemeldet?“

„Nein, noch nicht. Wird aber sicher nicht mehr lange dauern, bis wir von ihr hören. Übrigens konnte ich im Polizeicomputer keine weiteren, ähnlich gelagerten Todesfälle recherchieren. Es sieht also ganz danach aus, als wäre die Frau tatsächlich das erste Opfer unseres Mörders.“

Mike hatte es noch nicht richtig ausgesprochen, als auch schon Sebastians Handy summte und die Gerichtsmedizinerin sie knapp und kurz angebunden, wie das so ihre Art war, nach unten in die Pathologie bestellte.

Beide sprangen sie auf und liefen die Treppen hinunter in Christas Reich, die dort bereits ungeduldig auf sie wartete und, ohne sie auch nur zu begrüßen, sofort mit ihrem Bericht begann.

„Ich komme gleich zur Sache und unterbrecht mich also nicht. Wie schon gesagt, sie wurde erwürgt und zwar mit den bloßen Händen. Die Druckstellen sind eindeutig und müssen, der Größe nach zu urteilen, von Männerhänden stammen. Allerdings war, wie auch sonst am ganzen Körper, keine frische Fremd-DNA zu finden. Er hat Handschuhe getragen. Da sie aber ja wohl kaum im Nachthemd draußen herumgelaufen sein wird, muss er sie entweder dort oder woanders umgezogen haben und scheint dabei höllisch aufgepasst zu haben, dass auch wirklich nichts von ihm an ihr haftengeblieben ist. Momentan kann ich nicht sagen, ob sie in dem Hinterhof oder woanders getötet wurde, was durchaus genauso möglich ist. Die KTU hat nichts gefunden, was uns da hätte weiterhelfen können. Ich habe allerdings Sperma-Spuren gefunden, die aber schon etwas älter als einen Tag sind und auf keinen Fall aus der Todesnacht herrühren. Natürlich bin ich da dabei, die DNA zu bestimmen, was aber noch etwas dauert. Aber, ich habe auch deutliche Spuren gefunden, die daneben auf den frischen Einsatz von Kondomen hinweisen. Sie scheint demnach, ziemlich kurz vor ihrem Tod, noch geschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, allerdings wohl nicht freiwilliger Natur. Sie weist eindeutige Spuren von gewaltsamer Penetration auf. Darüber hinaus war die Tote sexuell überaus aktiv. Ihr gesamter Intimbereich war vollständig kahl rasiert, wie das übrigens auch bei Prostituierten üblich ist. Es wäre deshalb durchaus denkbar, dass sie eine solche war und aus dieser Szene kommt. Auch ihre körperliche Hygiene war nicht besonders berauschend, würde ich mal flapsig sagen. Also, wenn sie eine Käufliche war, dann doch wohl eher vom Straßenstrich. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Jetzt seid ihr dran.“

Mike stierte auf den zugedeckten Leichnam, dann schaute er abwechselnd Sebastian und Christa an.

„Straßenstrich? Na. hoffentlich kein Hurenmörder. Ich schicke sofort Tom mit ihrem Bild in die Szene dort. Befindet sich da nicht sogar, ganz in der Nähe dieses Hinterhofs, ein solcher Straßenstrich?“

Sebastian nickte nachdenklich.

„Du hast recht. Vielleicht kennt sie da ja jemand. Dann wären wir schon einen Riesenschritt weiter. Danke Christa.“ Sebastian nickte der Gerichtsmedizinerin zu und die beiden Kommissare kehrten mit großen Schritten in ihr Büro zurück.„Wenn das stimmen sollte, Mike, wenn die Tote wirklich eine Prostituierte war, dann… dann könnten wir mit deiner Recherche, was die Farbe Violett anbetrifft, vielleicht wirklich etwas anfangen. Irgendwas, was uns möglicherweise zur Motivlage des Mörders führt. Ich bring Tom nur schnell noch das Foto unserer Toten. Bin gleich wieder da.”

Mike kam zu keiner Antwort mehr, da Sebastian bereits nach draußen gelaufen war. Er nahm seinen Zettel, auf den er sich alles zur Farbe Violett notiert hatte und starrte sinnend darauf. Sein Kollege war kaum zurück, da brummte dessen Handy und Sebastian zuckte unwillkürlich zusammen. Seltsamerweise bezweifelte er keinen Augenblick, dass am anderen Ende seine Frau wartete und er nun… ja… geliefert war.

Sebastian zögerte. Katrin würde bestimmt wissen wollen, was mit ihm denn nun eigentlich los war, warum er sogar dieses langersehnte Treffen mit ihrer gemeinsamen Tochter einfach so hatte platzen lassen und warum er in der Frühe, wie ein Dieb, heimlich aus dem Haus geschlichen war.

Beinahe hilfesuchend richtete er seine Augen auf Mike, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. Von dessen Seite war wohl keine Hilfe zu erwarten und so fügte Sebastian sich ins Unvermeidliche und drückte die Sprechtaste.

„Katrin?…“ Selbst aus der Entfernung konnte Mike einen Schwall erboster Worte hören, der sich augenblicklich über Sebastian ergoss. Schweigend hörte dieser eine kleine Weile zu, bevor er sie dann schuldbewusst unterbrach. „Katrin, jetzt warte doch mal. Ich… Wir… nun… wir haben hier echt ein Problem. Ich erzähle es dir heute Abend, okay? Ich kann Mike damit jetzt nicht alleinlassen. Bitte versteh… Was?… Aber…“ Verdutzt starrte Sebastian sein Telefon an, als seine Frau das Gespräch einfach, mir nichts dir nichts, abgebrochen hatte. So verflucht wütend hatte er sie ja schon lange nicht mehr erlebt. Normalerweise brachte sie wirklich sehr viel Verständnis für ihn und seine Arbeit auf, das musste er schon sagen, aber das hier jetzt… ?

Mike betrachtete ihn fragend.

„Sie hat einfach aufgelegt.“

Mehr erklärte er nicht und wäre auch gar nicht mehr dazu gekommen, weil in diesem Moment Christa hereingestürmt kam. Das war mehr als nur ungewöhnlich, weil diese normalerweise immer darauf bestand, dass die Kommissare zu ihr in die Pathologie kamen. Entsprechend erstaunt, starrten die beiden sie daher jetzt auch an.

„Nun schaut nicht so. Ich hatte sowieso hier oben noch was zu tun und da dachte ich mir, ich sag’s euch gleich. Ich habe die DNA aus den alten Spermaspuren bestimmen können. Es ist ein alter Bekannter von uns. Heinz Schirmer, wenn euch das noch was sagt.“

„Heinz Schirmer? Warte mal, ist das nicht…?“

„Ja, genau… dieser Tierquäler, den wir vor einem Jahr erwischt haben, nachdem er eine Katze, bei lebendigem Leib, bestialisch aufgeschlitzt hat. Deshalb war er auch in der Datenbank, als ich seine DNA dort eingegeben habe. “

„Jetzt, wo du es sagst, Christa. Er hat deshalb doch damals eine einjährige Bewährungsstrafe bekommen, wenn mich nicht alles täuscht. Ich werde echt nie verstehen, warum das nur als Sachbeschädigung gesehen wird, wenn es sich um ein fremdes Tier handelt. Und nur wegen seiner Grausamkeit ist er damals zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt worden.”

Mike sprang bereits auf und schlüpfte in seinen Wintermantel.
„Ist er noch bei seiner alten Adresse gemeldet? Hast du da vielleicht zufällig auch schon nachgeschaut, Christa?”

Christa nickte noch, als beide Kommissare auch schon aus dem Büro stürzten.

* * *

Verdammte Bullenschweine seid ihr. Was wollt ihr eigentlich von mir, ihr Blödmänner?“

Die beiden Kommissare lautstark und wüst beschimpfend, wurde Heinz Schirmer von ihnen, entsprechend ruppig, ins Vernehmungszimmer des Kommissariats geführt.

Sie hatten ihn angetroffen, als er, gerade eben, aus seiner Wohnung hatte hinausgehen wollen. Schon dort hatte er sich so wenig kooperativ gezeigt, dass sie ihm, kurz entschlossen, Handschellen umgelegt hatten.

Sebastian drückte ihn ziemlich unsanft auf einen Stuhl nieder und fixierte ihn mit strengem Blick.

„Nu ist aber Schicht im Schacht. Wir vernehmen Sie in der Mordsache, äh… wegen eines Tötungsdeliktes an einer Frau, zu der Sie nachweislich Kontakt hatten. Um genauer zu sein, sexuellen Kontakt, und zwar vor zwei bis drei Tagen. Ich weise Sie daraufhin, dass Sie auch schweigen können, weil jede Aussage gegen Sie verwendet werden kann. Ich würde Ihnen aber dringend empfehlen, mit uns zusammenzuarbeiten, wenn Sie mit dem Tod der Frau nichts zu tun haben sollten. Also, wie sieht’s aus?“

Schirmer schaute sie aus seinem, leicht zerknittert aussehenden, Gesicht mit großen, verständnislosen Augen an.

„Was willst du? Was soll ich getan haben? Ich glaub, bei euch hakt’s, oder? Ich bring doch keine Weiber um. Wenn ihr glaubt, dass ihr mir hier wegen dieses dämlichen Katzenviehs einen Strick drehen könnt, dann sag ich besser kein einziges Wort mehr. Ich will sofort einen Anwalt. Der steht mir nämlich zu.“

Besänftigend mischte sich Mike sogleich ein.

„Nur mit der Ruhe. Wir haben nicht gesagt, dass wir Sie für den Mörder halten. Was wir wissen wollen, ist, wer diese Frau ist, wann Sie sie getroffen haben und so weiter. Alles, was Sie uns zu dieser Dame sagen können, hilft uns, aber auch Ihnen.“

Heinz Schirmer lachte verächtlich auf.

„Dame? Haben Sie gerade Dame gesagt? Die Einzige, womit die letzten Tage was gelaufen ist, war so eine kleine Nutte vom Straßenstrich. Aber Dame war das keine, he he.“ Sebastians Hand zuckte spontan vor, als wolle er diesem schmierigen Kerl an die Gurgel fahren, als Mike sich hastig so dazwischenschob, dass es wie ganz nebenbei und absichtslos wirkte.

„Dann erzählen Sie doch mal. Wissen Sie, wie sie hieß?… Melli, so so. Und wie noch?… Na gut. Ist es die hier auf dem Foto?… Okay. Und wo war ihr, äh, also ihr Arbeitsplatz?“ „Ich habe sie zweimal an der Rüderstrasse getroffen. Da gibt es so einen verlassenen Hinterhof. Da haben wir es miteinander getrieben und gut war’s. Ich habe sie nicht noch zum Kaffee eingeladen, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich hab noch ein paar Euro draufgelegt, dann hat sie es auch ohne Gummi gemacht. Die sollen froh sein, wenn überhaupt jemand in sie reinfährt und hoppe hoppe Reiter mit ihnen spielt. So kalt, wie das dort draußen war, musste es ja auch schnell gehen. Rein, raus, fertig.“

Ein schmutziges Grinsen breitete sich über seinem blöden Gesicht aus und Sebastian musste sich fast unmenschlich beherrschen, ihm seine Faust nicht ans Kinn zu platzieren. „Gut. Sie bleiben erst mal unser Gast. Immerhin haben wir ihre DNA bei dem Mordopfer gefunden. Sie kennen ja unsere Unterkunft noch. Da sollten Sie sich also schnell wieder heimisch fühlen. Tom? Bring ihn hier raus, aber schnell.“

Tom, der eben erst wieder von seinem Auftrag zurückgekehrt war, griff wortlos nach Schirmer und führte den krakeelenden Kerl hinaus.

„Also tatsächlich eine Prostituierte. Na super.“

Tom, der Schirmer draußen einem Streifenbeamten übergeben hatte, kam zu ihnen zurück.

„Sie heißt Melli Winter. Ihre ‚Kolleginnen‘ haben sie sofort wiedererkannt. Ich habe sie zur Befragung hergebeten. In einer Stunde kommt die erste. Da hat sie nämlich… Arbeitspause.“

Alle drei sahen sich nur wortlos, aber umso beredter an. Wieder würde es ein verdammt langer Tag werden. Und wieder musste die Aussprache mit seiner Frau noch warten.

Sebastian seufzte leise und gottergeben, bevor er zum Telefon griff, um zu Hause anzurufen. Erneut sprang jedoch nur der Anrufbeantworter an, aber dieses Mal sicher nicht deshalb, weil seine Frau nicht zu Hause gewesen wäre.

Mike zog es vor, währenddessen lieber hinauszugehen und ihnen einen frischen Kaffee zu holen. Den würden sie gewiss noch brauchen, so wie es aussah.

* * *

Jetzt im Dezember wurde es schon früh dunkel und deshalb stand Sebastian Fellner auch im mittlerweile stockfinsteren Hinterhof, genau an der Stelle, wo die Leiche der jungen Frau aufgefunden worden war.

Der trübe Schein der Straßenlaterne reichte nicht bis in den Hof hinein und daher leuchtete er etwas ziellos mit seiner Taschenlampe umher. So genau wusste er nicht, was er hier denn nun eigentlich wollte und nur ungern hätte er sich selbst eingestanden, dass er damit irgendwie auch das Heimkommen hinauszögern wollte.

Nachdem er und Mike, Stunden später, nochmals diesen Schirmer in die Mangel genommen hatten und auch die drei Kolleginnen des Mordopfers befragt hatten, waren sie nicht recht viel schlauer als noch am Morgen. Außer, dass sie jetzt den vollen Namen und auch die kärgliche Wohnung der Frau kannten, die sie natürlich sofort akribisch, aber erfolglos, durchsucht hatten, waren sie bisher nicht einen einzigen Schritt weitergekommen. Bedauerlicherweise hatten sie auch das Handy der Toten nirgends finden können. Es war weder am Tatort noch bei ihr zu Hause zu entdecken gewesen. Es sah deshalb alles danach aus, als hätte der Mörder es an sich genommen.

Ihre Nachforschungen zu ihrer Person und nach möglichen Angehörigen waren bisher ebenfalls ergebnislos verlaufen. Entweder hatte sie keine Familie oder sie hatte unter falscher Identität gelebt, denn eine Frau mit ihrem Namen schien es nirgends zu geben. Auch ihre DNA hatte in der Datenbank zu keinem Treffer geführt. Es hatte ganz den Anschein, als wäre sie ein Geist, eine Frau ohne Vergangenheit.

Den spontanen Gedanken, dass die Frau vielleicht gute Gründe für einen falschen Namen gehabt hatte, dass sie möglicherweise vor irgendetwas oder irgendjemandem auf der Flucht sein könnte, hatte er bisher bei sich behalten und noch nicht einmal mit Mike hatte er darüber gesprochen. Er hätte jedoch nicht zu sagen vermocht, warum er sich so beharrlich ausschwieg.

Sebastian selbst hielt es jedenfalls für fast ausgeschlossen, dass der versoffene, schmierige Schirmer tatsächlich ihr Mörder war, rein intuitiv. Der Kerl erschien ihm einfach als zu feig, als dass er sich an erwachsene Menschen herangewagt hätte. Tiere waren da wohl schon eher seine Kragenweite.

Und die anderen Prostituierten hatten nicht viel über Melli Winter oder mögliche Freier von ihr zu sagen gewusst. Auf dem Straßenstrich herrschte gnadenlose Konkurrenz und Freundschaften gab es unter den Dirnen sehr selten. Melli Winter war zudem praktisch eine Einzelgängerin gewesen, selbst für die Verhältnisse, die beim Straßenstrich herrschten. Die anderen Damen hatten sie übereinstimmend als sehr eigenwillig charakterisiert, als etwas Besonderes, als Jemanden, der immer ein bisschen so wirkte, als gehöre er eigentlich gar nicht in diese Szene. Und auch diese Aussagen hatten dieses seltsame Gefühl, das ihn nach der vergeblichen Suche nach ihrer Herkunft beschlichen hatte, noch verstärkt. Unter diesem Namen Melli Winter existierte schlicht und einfach niemand. Es gab nichts… keine Geburtsurkunde, keine alten Adressen, keine Behördeneinträge, absolut nichts.

Allmählich wurde ihm hier in diesem Hof doch ziemlich kalt und Sebastian schämte sich plötzlich dafür, dass er nur sinnlos herumstand, anstatt sich endlich mit seiner Frau Katrin auszusprechen. Kurz entschlossen drehte er sich also um und schickte sich an, den Hof durch den Torbogenzugang zu verlassen, als sein Blick auf eine vermummte Gestalt fiel, die, reglos wartend, dort im Schutz der dicken Mauern stand.

Fellner stutzte und ging dann langsam auf die Person zu. Er war vielleicht nur noch eine Armlänge von ihr entfernt, als aus der Dunkelheit eine Hand, förmlich wie aus dem Nichts, hervorfuhr und ihm der elektrische Schlag, welcher ihm der Elektroschocker versetzte, das Bewusstsein raubte.

Als er irgendwann wieder zu sich kam, waren seine Augen mit einem Stoffschal verbunden und um ihn herum herrschte Totenstille.

* * *

Mikes Handy hörte einfach nicht auf zu brummen, obwohl er verzweifelt versuchte, es stoisch zu ignorieren und sich beim Essen nicht stören zu lassen. Plötzlich hörte es auf und setzte, beinahe sofort, von Neuem wieder ein.

Entnervt schluckte er den letzten Bissen, der, weil er noch viel zu groß war, ihn augenblicklich heftig im Schlund drückte. Er schlang und würgte verzweifelt, bis sich sein Gesicht schon besorgniserregend rot verfärbte. Endlich war das Fleischstück durch die Speiseröhre hindurchgeflutscht und Mike atmete erleichtert auf. Noch heiser meldete er sich, nachdem er die Sprechtaste gedrückt hatte.

„Ja?… Ach Sie, Frau Fellner… Was sagen Sie da? Sebastian ist noch immer nicht daheim?… Aber… Nein, er wollte schon vor zwei Stunden nach Hause gehen… Ganz sicher… Nun beruhigen Sie sich doch bitte erst einmal. Hat er sein Handy eingeschaltet?… Tot? Auch keine Mailbox?… Aha, tut sich gar nichts. Hören Sie Frau Fellner, ich mach mich gleich auf die Suche nach ihm. Es könnte sein, dass er vielleicht nochmals kurz am Fundort vorbeischauen wollte. Ich schau dort mal nach und gebe Ihnen dann gleich Bescheid. Falls ich ihn nicht finde, fahre ich noch ins Kommissariat. Vielleicht ist er ja nochmal zurück ins Büro. Wenn er dort auch nicht sein sollte, dann lasse ich sein Handy orten. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich kümmere mich darum… Ja, ich melde mich so schnell wie möglich wieder bei Ihnen. Auf Wiederhören, Frau Fellner.“

Mikes Gesicht hatte, während des Telefonats mit Katrin, einen sorgenvollen Ausdruck angenommen. So sehr er sich auch bemüht hatte, seiner Stimme einen gelassenen Tonfall zu verleihen, so zunehmend beunruhigter war er während des Gesprächs geworden. Das sah Sebastian ja nun wirklich ganz und gar nicht ähnlich.

Vor zwei Stunden waren sie im Revier auseinandergegangen und Sebastian hatte noch irgendwas von dem Hinterhof vor sich hingemurmelt. Aber Mike hatte sich dafür schon längst nicht mehr interessiert. Sein Magen hatte in einer Art und Weise und vor allem peinlichen Lautstärke geknurrt, dass er nur noch das anstehende Einkaufen im Sinn gehabt hatte, um endlich was zum Beißen zwischen die Zähne zu bekommen. Als Single blieb ihm die leidige Kocherei nicht erspart, aber heute hatte er sich lieber, gegen jede sonstige Gewohnheit, ein Fertiggericht gekauft und es sich soeben einverleibt, als das Telefon ihn dabei gestört hatte.

Achtlos ließ er seinen halb geleerten Teller stehen, warf sich seinen Wintermantel um und verließ hastig die Wohnung. Schnell schlug er die Richtung zu dem Hof ein, der gar nicht so weit von ihm entfernt lag.

Dort angekommen, schaltete er die Taschenlampe ein, die er zu Hause noch rasch eingesteckt hatte, und ließ den Lichtkegel über den gesamten Platz wandern. Deutlich konnte er die, nur leicht zugeschneiten, Fußspuren einer einzelnen Person auf der frischen Schneedecke mitten im Hof erkennen. Er folgte ihr mit den Augen und erstarrte.

Da, wo er selbst gerade stand, trafen sich, nur wenig entfernt von ihm, diese Schuhabdrücke mit denen einer weiteren Person und dem Anblick nach, der sich ihm mit der Spurenlage hier bot, wohl nicht gerade in friedvoller Absicht. Ganz klar konnte er den Abdruck eines Menschen erkennen, der hier wohl zusammengeklappt sein musste und zu Boden gefallen war. Mike blieb für einen Moment das Herz stehen, als er begriff, was das womöglich bedeuten konnte. Konnte der Mörder zurückgekommen sein und dabei Sebastian überrascht haben? Mike griff in seine Manteltasche, zog das Handy hervor und alarmierte augenblicklich die komplette Mannschaft.

Es dauerte nicht lange, da wimmelte es in dem Hinterhof nur so vor Menschen und die Spurensicherung beeilte sich, nach frischen Spuren und Hinweisen zu suchen.

Niemand bezweifelte seltsamerweise, dass Sebastian Fellner in die Hände des Mörders gefallen sein musste, denn sonst wäre er doch nicht so einfach wie vom Erdboden verschluckt.

Mike war indessen in einer solchen Geschwindigkeit zum Kommissariat zurückgerast, kaum, dass die Spurensicherung angekommen gewesen war, dass er nun, völlig außer Atem, im Büro stand und sich wieselflink hinter den Computer pflanzte. Er gab das Foto der Toten in die zentrale Polizeidatei ein und startete eine Anfrage. Gut, sie hatten zuvor keinen Treffer in der DNA-Datenbank gehabt, aber vielleicht war sie ja doch mal irgendwann und irgendwo mit der Polizei in Kontakt gekommen, ohne dass sie dabei spurentechnisch erfasst worden war.

Er wusste sehr wohl, dass die Chancen minimal waren, dass irgendein Polizeirevier die Frau auf dem Foto erkannte, aber er hatte sonst einfach keinen anderen Ansatzpunkt.

Auf seinem Weg ins Büro war ihm nämlich ein ganz neuer Gedanke in den Sinn gekommen, einer, den sie bisher noch nicht gehabt hatten. Vielleicht war es ja doch nur eine einfache Beziehungstat gewesen, auch, wenn sie zunächst nur von einem Triebtäter ausgegangen waren, dem die Frau rein zufällig zum Opfer gefallen war und wenn dem wirklich so war, dann hatte die Frau möglicherweise doch schon einmal Schutz bei der Polizei gesucht und es gab noch irgendwo, irgendwelche Protokolle darüber. Es war ein letzter und leider auch sehr dünner Strohhalm, an den er sich klammerte, das wusste er wohl.

Er merkte, wie er innerlich ein Stoßgebet nach dem anderen losließ, während er auf den höchst unwahrscheinlichen Treffer hoffte. Ihn hielt es kaum mehr auf seinem Stuhl. Die Angst um seinen Kollegen quälte ihn unaufhörlich. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Aber die Tatsache, dass ihn der Mörder nicht sofort an Ort und Stelle getötet hatte, ließ ihn noch nicht völlig verzweifeln.

Auf einmal meldete sich der Rechner vor ihm und Mike starrte wie gebannt auf die Meldung, die auf dem Monitor erschien. Franziska Hölder stand da. Er konnte es kaum glauben, aber da stand tatsächlich der Name der Toten. Und es war ein völlig anderer, als der ihnen bisher Bekannte.

Sie war vor Monaten bei einer Polizeidienststelle in der Nähe Hamburgs aufgetaucht, panisch und verzweifelt, und hatte nach Schutz gesucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Aber da sie keinerlei Spuren körperlicher Gewalt aufwies und der nachträglich einbestellte Ehemann einen durchaus seriösen Eindruck machte, hatten die Beamten nichts weiter tun können, als ihr die Adresse eines Frauenhauses zu geben. Aussage stand gegen Aussage, nichts also, womit die Kollegen den Ehemann hätten festhalten oder gar belangen können.

Der kurze Begleittext auf dem Monitor machte nur zu deutlich, dass die Beamten die Frau als hysterisch eingestuft hatten und ihr Mann ihnen diesen ersten Eindruck noch bestätigt hatte. Laut seiner Aussage, sei seine Frau bereits wegen Panikattacken und einer starken Neigung zur Selbstverletzung in ärztlicher Behandlung und er tue sein Möglichstes, aber…

Der Ehemann hieß Franz Hölder, wohnhaft in Norderstedt, einem Vorort von Hamburg.

Mikes Nase begann ganz entschieden zu kitzeln.

Ohne sich mit seinem Vorgesetzten noch lange abzusprechen, schrieb er Franz Hölder zur Fahndung aus.

* * *

Katrin saß Mike im Büro gegenüber.

Es hatte sie keine Sekunde länger mehr zu Hause gehalten. Völlig außer sich und mit ihren Nerven am Ende, war sie, vor wenigen Minuten erst, zu Mike ins Zimmer hereingestürmt gekommen, ehe der auch nur die Möglichkeit gehabt hätte, den versprochenen Anruf zu tätigen.

Bereits ihr erster Blick in dessen verkrampftes, blasses Gesicht, dem man spielend leicht anmerkte, wie sehr er sich um Zuversicht bemühte, während er ihr über den Stand der Dinge berichtet hatte, hatte sie den Rest an Beherrschung verlieren lassen.

Wie ein Häufchen Elend saß sie nun auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und ihre Schultern zuckten, als sie laut vor sich hin schluchzte.

„Das kann doch gar nicht sein. Wieso denn Sebastian? Was hat er denn dort so ganz alleine gemacht? Warum waren Sie denn nicht bei ihm?“

Mike zuckte bei dieser vorwurfsvollen Frage doch überrascht zusammen, auch wenn er sie sehr gut verstehen konnte. In solch einer Situation brauchte man wohl immer jemanden, dem man irgendeine Mitverantwortung zuschieben konnte, in der Hoffnung, dass die Last dann irgendwie leichter zu tragen sein würde. Was aber natürlich leider nie passierte.

„Er hat mir doch nicht gesagt, was er noch vorhatte. Ich dachte ja, er hätte sich auf den Weg nach Hause gemacht.“ Bedrückendes Schweigen breitete sich daraufhin in dem kleinen Raum aus und machte die Angst noch greifbarer, noch spürbarer. Das schrille Läuten des Telefons zerriss jäh die unheilvolle Stille.

„Ja? Kommissariat Hamburg 17?… Sie… Wirklich? Sie haben ihn? Wo?… Setzen Sie ihn in das nächste Taxi hierher oder, noch besser, bringen Sie ihn her… Sedanstraße 28 … Ja sofort. Wir brauchen dringend seine Aussage. Und schicken Sie mir bitte das Protokoll… Na, was sie und er bei Ihnen damals halt alles ausgesagt haben… Ja, mein Gott, dann suchen Sie es eben, aber beeilen Sie sich. Ja, ich bin da… Gut. Danke.“ Katrin hing an seinen Lippen, während sie ihm aufgeregt zuhörte.

„Und? Gibt es etwas Neues von Sebastian?“

„Nein. Aber wir haben jetzt endlich den Ehemann unseres Mordopfers. Ich dachte… ich habe gehofft… Er ist auf dem Weg zu uns.“

„Sie haben doch gesagt, Sie würden Sebastians Handy orten. Was ist denn jetzt damit?“

„Es ist leider ausgeschaltet. Wir… also, es gibt leider keine Möglichkeit, es zu orten. Katrin… gehen Sie doch nach Hause und versuchen Sie, sich etwas auszuruhen. Ich schwöre Ihnen, dass ich Sie sofort anrufe, wenn es irgendwas zu berichten gibt. Ich tue alles, um Sebastian zu finden. Es wird ihm bestimmt nichts geschehen. Wenn der… der… also wenn derjenige, der sich Sebastian geschnappt hat, wenn ihm der wirklich etwas antun wollte, dann hätte er das doch ganz gewiss sofort erledigt, oder nicht? Sehen Sie? Na, also. Gehen Sie bitte heim. Vielleicht versucht Sebastian ja auch schon, Sie zu erreichen.“

Katrin stand mühsam auf. Mike hatte recht. Vielleicht war Sebastian ja inzwischen auch schon längst zu Hause und wunderte sich, warum seine Frau nicht da war. Genau… So war es… ganz bestimmt war es so. Während sie hier hysterisch herumhing, wartete Sebastian wahrscheinlich schon auf sie, machte sich womöglich sogar Sorgen um sie.

Ohne ein weiteres Abschiedswort stürzte sie förmlich zum Büro hinaus und Mike sah ihr völlig verdattert hinterher.

Dann meldete sich sein Computer erneut und das, von ihm georderte Aussageprotokoll war der polizeilichen Email brav als Anhang beigefügt worden.

* * *

Sebastian spürte, wie es ihn eiskalt überlief und sein heftig trommelnder Herzschlag ihm in den Ohren dröhnte. Er hatte den Mörder vorhin nicht richtig zu Gesicht bekommen, so schnell war alles gegangen, aber er war sich, im wahrsten Sinne des Wortes, todsicher, dass es der Mörder der armen Frau gewesen war, gewesen sein musste.

Er konnte sich allerdings weder erklären, warum der Täter überhaupt zurückgekehrt war, noch, was er ausgerechnet von ihm wollte. Fast schien es ja, als habe der gehofft und gewartet, dass Sebastian erscheinen würde. Aber warum? Und weshalb er? Oder war dem Mörder seine Person in Wahrheit völlig gleichgültig und er hatte dort nur auf irgendein neues Opfer gewartet?

Die Damen vom Strich hatten durchweg bestätigt, was Schirmer ausgesagt hatte, nämlich, dass sie alle, mangels Alternative, selbst im Winter immer wieder einmal in diesem Hof den Verkehr mit ihren Freiern vollzogen. Der Gedanke war daher gar nicht so hirnrissig, wie er im ersten Moment vielleicht anmutete, dass der Typ aus diesem Grunde wieder hierhergekommen war. Dann hatte er dort nämlich wieder auf eine Frau gewartet und er, Sebastian, war ihm einfach nur dummerweise in die Quere geraten. Blieb nur noch die Frage, warum der ihn nicht gleich sofort umgebracht hatte. Was hatte der Kerl also mit ihm vor?

Je mehr er grübelte und ihn deshalb auch immer furchtbarere Gedanken überfielen, desto kälter wurde ihm. Er tastete mit seinen klammen Fingern auf dem Boden herum, soweit ihm dies seine Fesseln erlaubten, denn sehen konnte er ja leider nichts, da ihm der Mistkerl die Augen verbunden hatte. Sein Oberkörper war an irgendeinen Haken in der Wand, oder weiß der Teufel was, festgebunden worden, so dass er sich nicht erheben konnte.

Lehmig, feucht und kalt fühlte sich der Untergrund an, auf dem er dahockte. Tief sog er die Luft durch die Nase ein. Der Geruch erinnerte ihn entfernt an einen Weinkeller, wo er schon des Öfteren gewesen und der ihm daher auch wohlbekannt war. Wein war seine ganze Leidenschaft und deshalb kannte er sich mit dem typischen Geruch, den die Fässer ausströmten, auch aus.

Rasend schnell wirbelten die Gedanken in seinem Kopf herum. Wo, um alles in der Welt, konnte es denn in Hamburg nur so alte Weinkeller geben?

Noch während er hektisch damit beschäftigt war, hörte er ein knarzendes Geräusch einer sich öffnenden Holztür und, kurz darauf, kam anscheinend irgendein Mensch die Steintreppen heruntergestiegen. Es mussten ja doch Steintreppen sein, weil Sebastian es mehr erahnte, als dass er etwas gehört hätte. Holztreppen hätten doch wenigstens ab und zu geknarzt. Sein Gehörsinn war dadurch, dass er nichts sehen konnte, extrem geschärft. So hörte er nur ein zwar sehr verhaltenes, aber doch ganz eindeutiges Schnaufen.

Und dann konnte er plötzlich die Wärme dieser Person förmlich fühlen, so dicht beugte sich jemand über ihn.

* * *

In Begleitung zweier Polizeibeamten kam Franz Hölder in Mikes Büro herein. Er wirkte ziemlich aufgeregt und seltsam angespannt.

Mike wusste inzwischen, dass der hier ganz sicher nicht der Mörder der jungen Frau sein konnte und damit auch nichts mit dem Verschwinden seines Partners zu tun haben konnte, da sein Alibi, über welches ihm die Email von vorhin Aufschluss gegeben hatte, wasserdicht war. Er hatte sich zur Tatzeit des Mordes nachweislich in Frankfurt aufgehalten. Und dennoch… Mike spürte, wie ihn eine Witterung überfiel, ein Gefühl, auf das er sich in den vielen Jahren als Mordermittler verlassen gelernt hatte. Irgendetwas an diesem Mann war nicht koscher. Ganz und gar nicht.

Als hätte diese Überzeugung in seinen Augen gestanden, wurde dieser Hölder noch nervöser und noch konfuser. Unbehaglich nestelte er an seinem Hemdkragen herum und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, den ihm der Kommissar zuvor hingeschoben hatte.

Gefährlich leise begann Mike damit, ihn zu befragen und wurde im Verlaufe jedoch immer lauter.

„Was wissen Sie?… Raus mit der Sprache. Ihre Frau ist tot, wie Sie inzwischen ja wissen und mein Kollege schwebt ganz offensichtlich in größter Gefahr. Sie wissen doch etwas, nicht wahr? Also? Ich warte. Und versuchen Sie erst gar nicht, mir das Gegenteil anzudrehen.“

Mike verstummte und beobachtete höchst interessiert, wie sich Hölders Gesicht bei seinen Worten gelb verfärbte und er ins Stottern geriet.

„Ich… ich wei… also ich weiß ja nicht, wie… wie Sie darauf kommen? Meine Frau ist tot und Sie blaffen mich nur an. Ich… ich bin völlig durcheinander und…“

Gespielt nachsichtig, wiegte Mike erst den Kopf, bevor er dann mit der Faust so auf seinen Schreibtisch drosch, dass der Mann ihm gegenüber heftig zusammenzuckte und beinahe vom Stuhl fiel, während die Streifenbeamten nur ungläubig auf Mike starrten.

„Schluss mit dem Theater. Ihre Frau hatte Angst, panische Angst. So große Furcht, dass sie auf und davon ist und sogar eine falsche Identität angenommen hat, nur, um in Sicherheit sein zu können. Vor wem oder was hatte sie denn sonst diese Angst, wenn nicht vor Ihnen? Zumindest hatte sie das damals bei der Polizei so angegeben. Also? Wer? Haben Sie ihr diese Angst gemacht?“

Franz Hölder senkte seinen Kopf und bedeckte mit zitternden Händen seine Augen. Endlich schaute er wieder auf und hielt Mikes intensivem Blick stand.

„Mein Sohn… Es ist mein Sohn aus meiner ersten Ehe, vor dem sie solche Angst hatte. Er kam vor zwei Jahren als Siebzehnjähriger zu mir und meiner zweiten Frau, nachdem seine Mutter sich… äh, als sie verstorben war. Irgendwann hat Franziska davon gesprochen, dass er ihr unheimlich ist, dass er sie geradezu verfolgt und dass sie das Gefühl hat, dass er sie ständig heimlich beobachtet. Sie war richtiggehend hysterisch. Ich habe das nicht wirklich ernst genommen und habe sie beschworen, den Jungen nicht anzuschwärzen. Wahrscheinlich hat sie deshalb mich vor der Polizei bezichtigt. Vielleicht hatte sie gehofft, dass der Junge dadurch zur Besinnung kommen würde. Vor einem halben Jahr dann, haben wir erst Franzis Katze und später ihren kleinen Hund erwürgt aufgefunden. Meine Frau… sie ist danach völlig ausgerastet und war, nur einen Tag später, plötzlich spurlos verschwunden. Als man mir gesagt hat, dass sie jetzt… erwürgt wurde, habe ich sofort versucht, meinen Sohn zu finden. Aber er scheint aus seiner Wohnung, in der er erst seit einem halben Jahr wohnt, verschwunden zu sein und niemand weiß, wo er abgeblieben ist.“

„Wie heißt ihr Sohn?“

„Thomas. Thomas Mottke. Er hat vor Jahren den Namen meiner verstorbenen Ex-Frau Helen übernommen, nachdem die, nach unserer Scheidung, ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte. Er ist jetzt neunzehn Jahre alt. Ich… ich habe hier auch ein aktuelles Bild von ihm. Ich habe es erst vor acht Monaten bei der Geburtstagsfeier meiner Frau aufgenommen. Das war nur wenige Tage, nachdem sie bei der Polizei war. Zwei Monate später haben wir dann die Tiere tot vorgefunden und kurz darauf war sie auch schon weg, auf und davon.“

Hölder schob Mike das Foto über den Schreibtisch und dem blieb schlagartig die Luft weg, als er den irren Augenausdruck des jungen Mannes wahrnahm, der selbst auf einem Foto nicht zu übersehen war.

Aber noch viel mehr bedrückte ihn die Miene der jungen Frau. Er hatte noch nie so viel Panik in dem Gesicht eines Menschen gesehen, wie hier bei Franziska Hölder.

Seine verzweifelte Angst um Sebastian kannte in diesem Augenblick keine Grenzen mehr.

* * *

Der Mann, nach dem harten Schweißgeruch zu schließen, den er verströmte, musste es ein Mann sein, bückte sich und schob seinen Kopf ganz nahe über das Gesicht von Sebastian.

Er spitzte seinen Mund und blies ihm sachte die warme Atemluft über die Nase und den Mund, woraufhin Sebastian reflexartig den Kopf zur Seite drehte.

Du lieber Gott, war das unangenehm. Der Kerl stank aus dem Maul, als habe er sich schon seit Wochen nicht mehr die Zähne geputzt. Seltsam, welch komische Gedanken einem in so einem Moment kamen… Als habe er jetzt kein ganz anderes Problem.

Sebastian öffnete eben den Mund, um den Unbekannten anzusprechen, da fühlte er, wie sich eine schweißfeuchte Hand auf seine Gurgel legte. Ganz leicht nur, kaum wahrnehmbar, aber irgendwie dafür umso bedrohlicher.

„Warum bist du aber auch wieder zurückgekommen? Eigentlich warst du gar nicht eingeplant. Ich mag es nicht, wenn etwas durcheinandergerät. Der Plan muss schon immer eingehalten werden, verstehst du? Du bist einfach noch nicht dran. Wie heißt du überhaupt? Du wirst doch einsehen, dass ich wissen muss, wie dein Name ist. Weil… hm, das begreifst du wahrscheinlich nicht. Aber ich schreibe mir immer genau auf, ob sich die Farbe mit dem Namen verändert. Das ist wichtig, weil, wenn nicht…“

Was quatschte dieser Kerl da bloß? Der hatte doch nicht alle Tassen im Schrank. Aber das Wichtigste war natürlich sofort bei Sebastian hängengeblieben. Er war also noch nicht dran, wie sich dieser Mensch auszudrücken beliebte. Das eröffnete ja nun doch vielleicht gewisse Möglichkeiten.

„Klar sage ich dir, wie ich heiße. Aber nur, wenn du mir deinen Namen auch verrätst. Das gehört ja schon auch zu einer bestimmten Reihenfolge, findest du nicht. Ich meine nur, damit dein Plan auch nicht, wie sagtest du gerade?… Nicht durcheinanderkommt.“
Nachdenklich starrte der Mann auf den Fremden vor ihm. Das passierte ihm nicht allzu oft, dass ihn scheinbar jemand verstand. Schade, dass er trotzdem wissen musste, wie sich das Gesicht eines Mannes verfärbte, wenn… Bisher hatte er es ja nur bei Frauen gesehen.

Aber bis dahin war ja noch ein wenig Zeit. Man würde sich das ein oder andere Mal gewiss auch ein wenig unterhalten können. Langsam zog er Sebastian die Augenbinde herunter, während er wieder zu sprechen begann.

„Du hast recht. Also, wie heißt du?“

„Sebastian.“
„Se-bas-ti-an. Vier Takte. Bei Franziska waren es drei.  Erst rot, dann blau und am Ende violett. Ich bin schon gespannt, wie es bei dir sein wird. Ich werde dir erzählen, welche vier Farben du dabei hast. Se…bas…ti…an. Es müssen unbedingt vier Farben sein. Ich heiße übrigens… Ach, das brauchst du jetzt noch nicht zu wissen. Später.“

Sebastian registrierte dankbar, dass sich der üble Atem von ihm entfernte. Dann sah er, wie sich der großgewachsene Mann gerade aufrichtete und sich zum Gehen wandte.

„Wo gehst du hin?“

Aber Sebastian bekam schon keine Antwort mehr.

* * *

Franz Hölder beobachtete Mikes Reaktion auf das Foto seines Sohnes ängstlich, so, als wisse er bereits, zu welchem Schluss der Kommissar kommen würde. Lange hatte er es vor sich selbst verdrängt, dass mit seinem Sohn Thomas vielleicht wirklich etwas nicht stimmen könnte. Er hatte es nur einfach nicht wahrhaben wollen, dass dieser irgendwie krank, ja sogar richtig gestört sein könnte. Schlimmer noch, dass Thomas sogar eine echte, ganz reale Gefahr für seine Mitmenschen wäre. Stattdessen hatte er es vorgezogen, seine Frau Franziska als hysterisch hinzustellen. Er hatte sie im Stich gelassen, weil es einfacher und bequemer für ihn gewesen war, als sich selbst mit dem Gedanken zu konfrontieren, dass er damals sein eigenes Kind einfach ignoriert hatte und dadurch Mitschuld an dessen Verfassung haben könnte.

Ihn seiner labilen und depressiven Exfrau zu überlassen und sich selbst aus dem Staub zu machen, hatte sich gut und richtig angefühlt. Und als der kaum Siebzehnjährige dann eines Tages seine Mutter erhängt, mit grauenhaft dunkelviolettem Gesicht, in der Wohnung hatte auffinden müssen, hatte er dem Bedauernswerten nicht geholfen, dieses Trauma zu bewältigen. Er hatte ihn zwar zu sich geholt, ihn aber mit Franziska ständig alleingelassen, während er einfach weitergemacht hatte, ganz, als sei nichts geschehen.

In dem Moment, als ihn die Polizei über den gewaltsamen Tod seiner Frau Franziska informiert hatte, hatte er komischerweise sofort mit dem Gedanken gespielt, dass es sein Sohn gewesen sein könnte. So wie er insgeheim immer geahnt hatte, dass der es auch gewesen war, der Franziskas Tiere kaltblütig erwürgt hatte. Sofort war er zu dessen Wohnung gerannt, um ihn zur Rede zu stellen und hatte sie verwaist vorgefunden.

Das Mindeste, was er jetzt noch tun konnte, war, diesem Kommissar dabei zu helfen, seinen Sohn zu finden, bevor der wieder zuschlagen würde. Er hatte so gar keinen Zweifel, dass dies wohl nur eine Frage der Zeit war.

„Wo, haben Sie gesagt, wurde meine Frau getötet?“

„Gefunden wurde sie in einem Hinterhof in der Rüderstrasse. Aber ob sie dort auch getötet wurde, wissen wir nicht. Warum?“

„Weil… Na ja, wahrscheinlich… Thomas wird genau dort töten, wo er es schon einmal gemacht hat… Er… braucht nämlich seine absolut exakten Abläufe. Thomas erträgt es nicht, wenn auch nur das Geringste von seinem Tagesplan abweicht. Das sind so ganz komische… Zwänge bei ihm, wissen Sie? Das hat mir jedenfalls der Schulpsychologe gesagt, der mich wegen bestimmter Vorfälle in der Schule einmal kontaktiert hat. Er wollte, dass ich mit Thomas zu einem Jugendpsychologen gehe, aber… Thomas hat sich geweigert und ich… nun… ich…“

„Sie haben es lieber laufenlassen und haben es vorgezogen, ihre Frau stattdessen als plemplem hinzustellen. Wollten Sie das damit sagen?“

Mike konnte sich kaum mehr beherrschen, so eine heftige Wut stieg in ihm auf, je länger er diesen Typen da vor sich sitzen hatte. Mühsam versuchte er, sich zu kontrollieren. Herr Hölder zuckte betroffen zusammen und begann nervös zu zittern, als der Polizist es dermaßen knallhart auf den Punkt brachte.

„Wie gesagt, ich könnte mir halt gut vorstellen, dass Thomas genau an derselben Stelle wieder töten wird. Die, für ihn ziemlich überraschende, Anwesenheit ihres Kollegen dürfte ihn im ersten Moment doch ziemlich durcheinandergebracht haben, so dass er spontan wahrscheinlich nicht gleich gewusst hat, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Aber wenn… also, wenn er ihn wirklich noch umbringen will, dann bringt er ihn wieder am selben Ort um, glaube ich wenigstens. Ich weiß es natürlich nicht hundertprozentig.“

Mike starrte ihn an, bevor er dann so plötzlich aufsprang, dass der andere erneut zusammenschrak. Hölder sah ihm zu, wie der Kriminalbeamte nach draußen rannte und hörte, wie der sofort alle verfügbaren Kräfte zusammentrommelte. Dann war die gesamte Mannschaft, bestehend aus acht Einsatzkräften, auch schon weg.

* * *

Sebastian zerrte und zog an seinen Fesseln, aber die gaben auch nicht einen einzigen Millimeter nach.

Mutlos sank er zurück und konnte nicht verhindern, dass sich ein immer schneller drehendes Kopfkino in ihm zu bilden begann. Einzelne Momentaufnahmen und Gedankenfetzen jagten einander, brachen ab und verschwammen wieder ineinander.

Er wäre so gern in guter Erinnerung von seiner Frau Katrin gegangen. Und seine Tochter… Wie sehr hatte er es sich doch gewünscht, sie endlich wieder einmal, nach dieser unendlich langen Zeit, in die Arme nehmen und Frieden mit ihr schließen zu können. Aus den Augen verloren hatten sie sich, einfach so. Nachdem sie ihm und seiner Frau Katrin vor Jahren wütend den Rücken gekehrt hatte, weil sie sich von ihnen ständig gegängelt und nur kritisiert gefühlt hatte, war sie eines Tages verschwunden gewesen. Die angedachte Versöhnung gestern, nachdem sie sich vor einer Woche ganz unerwartet bei ihnen telefonisch gemeldet gehabt hatte, hatte er jedenfalls gründlich vermasselt und es war kein Wunder, dass Katrin so extrem sauer reagiert hatte.

Alles vorbei, alles einfach verpasst, weil ihm immer etwas anderes wichtiger gewesen war. Aber das Schlimmste war, dass er es selbst in diesem Augenblick nicht bereuen konnte, dass er der ermordeten Frau Priorität gegeben hatte.

Bedauern ja, sehr sogar, aber bereuen? Nein. Selbst jetzt noch, sah er keine andere Möglichkeit, als eben jene Entscheidung, die ihm sein Beruf abgefordert hatte. Trotzdem, was hätte er jetzt darum gegeben, seine Liebsten noch einmal drücken und herzen zu können, sich ein allerletztes Mal von ihnen verabschieden zu dürfen, bevor sie ihn mit dunkelviolettem Gesicht wiedersehen mussten.

Mitten in dieses Gedankenchaos hinein, tauchte plötzlich der Bursche wieder auf. Sebastian sah ihn mit einer Taschenlampe die Treppen langsam heruntersteigen.

Als der Mann vor ihm stand, leuchtete er ihm direkt ins Gesicht, so dass Sebastian geblendet die Augenlider schließen musste. Blinzelnd öffnete er sie wieder einen Spalt weit und versuchte krampfhaft, sich die Gesichtszüge des Mannes gut einzuprägen, auch wenn er nicht wusste, weshalb eigentlich… Er würde ja wohl kaum mehr in die Verlegenheit geraten, noch eine Personenbeschreibung abgeben zu dürfen.

„Weißt du was? Ich habe mir überlegt… ich könnte mir vorstellen, dass es dich auch interessiert, wie schön die Farben im Gesicht eines Menschen sein können. Weißt du, ich habe mir immer vorgestellt, wie fünf Takte aussehen würden, deshalb…  Hör mal. A-na-sta-si-a. Sie wartet auf mich, auf uns. Ich nehme dich einfach mit, dann kannst du es dir dort selber ansehen. Es wird dir sicher gefallen. Und danach… Also, was hältst du davon?“

Sebastian starrte dem Kerl entsetzt ins Gesicht.

Nur zu gut hatte er verstanden, was dieser Irre vorhatte. Und er konnte nichts dagegen tun. Er konnte der Frau, die schon bald so grausam sterben würde, nicht helfen.

Im Gegenteil. Er würde dabei zusehen müssen, wie dieser Wahnsinnige seine Hände um ihren Hals legen und ihr, beinahe endlos lange, die Luft zum Atmen nehmen würde. Fünf Takte lang. Es war entsetzlich.

Und schon gleich danach hatte dann wohl auch sein letztes Stündchen geschlagen.

* * *

Mike hatte sich währenddessen mit seinen acht Männern auf die Lauer gelegt. Vier hatten sich in den Wohnungen, deren Badezimmerluken auf den Hinterhof hinausgingen, verschanzt und die anderen vier hinter den Müllcontainern.

Die Bewohner kannten sie ja schon, weil die Kollegen der Streife sie als mögliche Zeugen in der Tatnacht befragt hatten, allerdings ohne Erfolg.

Er selbst stand allein im Schatten des tiefen Torbogens, dicht an die dicke Wand geschmiegt und im Finstern gut verborgen. Weder von der Straße noch vom Hof aus, war er leicht zu entdecken. Niemand, der nicht wusste, dass hier jemand stand, konnte auch nur ahnen, dass da einer lauern könnte. Und Mike wollte sofort an Ort und Stelle sein und den ganzen Hof überblicken können, um gegebenenfalls sofort einzugreifen. Nur leider war hier nur für eine Person Platz gewesen, um nicht noch Gefahr zu laufen, sofort bemerkt zu werden.

Stunden vergingen und Mike wurde mutloser und verzagter. Es war ja sowieso nur eine vage Hoffnung gewesen, dass der Mörder überhaupt hierherkommen und dann auch noch genau heute Abend erscheinen würde. Schließlich wusste er ja noch nicht einmal, ob hier auch wirklich der Tatort gewesen war. Aber einen anderen Anhaltspunkt hatte er nicht, um seinen Kollegen zu finden. Also hieß es tapfer weiter warten und frieren. Ganz steif war er schon.

Da!

Seltsam schleichende Schritte, begleitet von eher unsicherem Getrippel, näherten sich. Mike spitzte die Ohren. Hoffentlich waren seine Leute jetzt auch wachsam und nicht noch während des langen Wartens fast eingeschlafen…

Er zog seine Pistole und entsicherte sie. Dabei hielt er den Blick nur für einen ganz kurzen Moment auf die Waffe gerichtet, die beim Zurückziehen des Hahns leise, aber doch verräterisch, klickte und verpasste so den Augenblick, als Thomas blitzartig an ihm vorbeihuschte.

Er registrierte nur noch einen schemenhaften Schatten, und, bevor er zurückweichen konnte, wurde es schon dunkel um ihn.

Sebastian erahnte mehr, als dass er es sehen konnte, wie ein Mensch in sich zusammensank. Seine Beinfesseln erlaubten ihm selbst nur winzige Schritte, aber selbst, wenn dem nicht so gewesen wäre, wäre er vor Schreck nicht in der Lage gewesen, auch nurmehr einen einzigen Schritt zu machen.

Alles hatte sich, fast geräuschlos, im Schatten des Torbogens abgespielt und so war es auch kein Wunder, dass niemand sonst von den anwesenden Kollegen es bisher bemerkt hatte. Thomas, der wie ein wildes Raubtier seinen Feind förmlich gerochen hatte, stieß Sebastian in die Seite und ignorierte das Bündel, das da vor seinen Füssen lag.

„So richtig schlau seid ihr hier ja alle irgendwie nicht. Wir bleiben da an der Wand stehen. Anastasia muss jetzt gleich kommen. Ich habe mich hier mit ihr verabredet und ich möchte sie nicht warten lassen. So schnell wacht der hier bestimmt eh nicht wieder auf.“

Sebastian, dessen Hände hinter seinem Rücken gefesselt waren, war durch den Knebel in seinem Mund unfähig, auch nur einen einzigen Mucks von sich zu geben, als er in der Person Mike erkannte. Erschüttert starrte er nur zu Boden, als ihn ein leichter Umhang streifte.

Er schaute auf und sein Gesicht wurde gespenstisch blass, als er Anastasias Profil nahe vor sich erblickte. Schreckensstarr stand Sebastian einfach nur da und versuchte verzweifelt, sich bemerkbar zu machen, was ihm durch den dicken, festgebundenen Stofffetzen in seinem Mund jedoch nicht gelang.

Er kaute, würgte und versuchte zu spucken, aber nichts half, nur ein dumpfes, ersticktes Grunzen entfuhr seinem Mund. Die junge Frau wollte eben ganz durch den Torbogen in den Hof treten, als eine Faust aus dem Dunkeln hervorschoss und sie eisern am Arm festhielt.

Erschrocken fuhr Anastasia herum und fauchte leise.

„Sag mal, spinnst du? Du hast mich ja zu Tode erschreckt. Diese Spielchen, mein Lieber, kannst du aber gleich wieder vergessen. Auf die harte Tour geht bei mir nichts.“ Thomas Gesicht leuchtete auf.

Wunderbar. Diese Gegenwehr machte es doch gleich noch viel interessanter. Franziska war so gottergeben gewesen, so devot. „Aber Prinzessin, gerade das macht es doch so besonders. Ich glaube nicht, dass du hier die Bedingungen stellen kannst. Schau, ich habe jemanden mitgebracht. Er wird uns zuschauen, wenn…”

Dieses ganze Gespräch war in einem so wispernden Flüsterton geführt worden, als scheue sich irgendwie ein jeder der hier Anwesenden, Aufmerksamkeit zu erregen.

Sebastian wollte schreien, wollte ihr zurufen, wegzulaufen, aber trotz aller Anstrengung blieb es nur ein gequältes Stöhnen. „Hau… ab,“ versuchte er ihr mit einer solchen Gewalt zuzuschreien, dass sein Gesicht dabei rot anlief und ihm der Kopf schier zu bersten drohte.

Die junge Frau, durch Thomas Worte überhaupt erst richtig auf Sebastian aufmerksam geworden, drehte sich ganz zu ihm hin und versuchte vergeblich, sein Gesicht zu erkennen, das sich nach wie vor in völliger Dunkelheit befand.

Sie wollte einen Schritt nähertreten, als sich auch schon die Hände des Mörders um ihren Hals legten. Seine Daumen spielten beinahe zärtlich liebkosend an ihrem Kehlkopf und Anastasia wurde unheimlich zumute. Der Typ war vielleicht komisch. Hätte sie sich doch besser nicht auf diesen finsteren Treffpunkt einlassen sollen? Und was hieß da überhaupt Zuschauer? Der hatte doch komplett einen an der Waffel.

„Hör auf, da herumzufummeln. Wenn du einen flotten Dreier willst, dann musst du aber noch ein paar Scheine mehr drauflegen, verstanden. Und jetzt mach endlich, ich friere mir hier noch den Arsch ab.“

Noch immer machte Thomas nicht die geringsten Anstalten, sich in den Innenhof hineinzubewegen, so, als wüsste er, dass dort Menschen versteckt waren und nur auf ihn lauerten. Dass diese ihn bisher noch nicht entdeckt hatten, ihn und seine Begleitung, lag ganz alleine daran, dass sie kaum hörbar geflüstert hatten und noch immer völlig im Schatten der Tormauern standen.

Mikes Kollegen konnten deshalb in dieser Finsternis weder etwas hören noch erkennen. Ihre Aufmerksamkeit war durch das lange Warten in dieser Kälte ohnehin schier eingefroren und auf ein absolutes Minimum herabgesunken.

Mit geschlossenen Augen harrte der ein oder andere von ihnen der Dinge, die da wahrscheinlich sowieso nie kommen würden. Thomas begann, ihren Hals fester zusammenzudrücken und ihr Gesicht verfärbte sich zartrosa. Wie eine Wilde kämpfte sie, um sich aus dieser unheimlichen Umklammerung zu lösen. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, als er sofort begriff, was sie da versuchte und ihr mit seinem Mund den ihren verschloss. Immer kräftiger begann er ihr die Luft abzuschnüren und ihre Farbe begann bedenklich, tiefere Töne anzunehmen.

Auch Sebastians Gesicht wurde dunkelrot, vor verzweifelter Anstrengung, sich von den Fesseln zu befreien.

Thomas lockerte seine Hände.

Ihr Name war lang, es durfte nicht zu schnell gehen, und Anastasias Teint wurde sofort wieder ein wenig heller. Sie versuchte, mit den Beinen nach ihm zu treten, aber er warf sich auf sie und drückte sie zu Boden in den Schnee. Mit seinem ganzen Gewicht legte er sich auf sie, riss ihr mit einer Hand die Hose herunter, stieß ihr mit dem Knie zwischen die Beine und lachte unterdrückt auf, als sie schmerzerfüllt aufstöhnte. Seine Zunge noch immer in ihrem Mund, nuschelte er erregt vor sich hin.

„Das gefällt dir, nicht? Das hast du doch immer gewollt, dass ich das bei dir mache, nicht wahr, Mutter? Du konntest ja nie genug kriegen von meinem Pimmel. Und ganz besonders gern hattest du es, wenn ich dir den Hals dabei ein wenig gedrückt habe. Hier und hier. Na, wie gefällt es dir, Schlampe? Weißt du noch Mutter, beim letzten Mal? Als dir dann die Luft ausging Violett warst du da, genau wie jetzt.“ Mit einer letzten Kraftanstrengung warf sich Sebastian, trotz seiner Fesseln, auf Thomas, um ihn von Andrea wegzustoßen. Nicht meine Tochter, bitte, bitte, lieber Gott, nicht meine Tochter….

Thomas knurrte böse, als er so unliebsam in seinem Rausch gestört wurde. Er versuchte angestrengt, sich unter Sebastian hervorzuschieben und musste dabei Andreas Hals freigeben, um seine Hände um Sebastians Kehle legen zu können.

Augenblicklich entfuhr Andrea ein markerschütternder Schrei. Sie wälzte sich mit letzter Kraft unter Thomas hervor, drehte sich zur Seite und rang heftig nach Atem.

Sebastian spürte, wie ihm langsam die Luft ausging, als er sich plötzlich, und im sprichwörtlich letzten Moment, von der Last befreit fühlte.

Von allen Seiten kamen die Beamten plötzlich hervorgestürzt und rissen einen, vor Wut laut aufheulenden Thomas von Sebastian weg.

Er hörte noch einen leisen, erschrockenen Laut, als rufe ihn jemand ‘Papa’.

Verzweifelt nach Luft schnappend, drehte sich alles vor ihm, als er irgendwann spürte, wie sich ihm zaghaft eine schmale Hand in die Seinige schob.

Noch bevor er die Augen ganz öffnete, wusste er, dass alles gut war, dass endlich wieder alles gut werden würde.

Er hatte seine Kleine wieder.

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